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vendredi 11 octobre 2013

Gratis-Autoren als Geschäftsmodell


"Huffington Post"

Die deutsche Ausgabe der "Huffington Post" ist seit heute online. Die US-Mischung aus Blog-Plattform und Nachrichtenportal feiert seit Jahren international Erfolge. Umstritten ist aber das Geschäftsmodell, weil Blogger kostenlos Beiträge liefern.

Von Kaveh Kooroshy für tagesschau.de
Die "Huffington Post" setzt vor allem auf Blogger. Sie sollen ihre Texte kostenlos zur Verfügung stellen. Dafür gibt es den Ruhm, für die "HuffPo" zu schreiben.
Kai Petermann betreibt den Blog Stilsucht (stilsucht.de). Er entschied sich gegen das Angebot, ohne Honorar für die "Huffington Post" zu schreiben.
Von diesem Geschäftsmodell hält der Blogger Kai Peterman ("Stilsucht") nichts und veröffentlichte seine Antwort auf die Anfrage der neuen deutschen Ausgabe der "Huffington Post": "Ich gebe den Vorschlag gerne an meinen Vermieter, den Lebensmittelhändler, den Tankwart und die Telekom weiter, vielleicht kann ich dort ja ebenfalls ohne Bezahlung alle nötigen Dinge bekommen." Dennoch hat er Verständnis für Blogger, die das Angebot annehmen. "Es ist jedem selbst überlassen, wie man mit der eigenen Arbeit umgeht. Die meisten, die diesem Angebot zustimmen, werden aber wohl auch einen richtigen Job haben", sagte er tagesschau.de.
Romy Mlinzk schreibt den Blog "snoopsmaus" (snoopsmaus.de) und will bei der "Huffington Post" mitmachen.
So auch Bloggerin Romy Mlinzk ("snoopsmaus"). Sie hatte auf ihrem Blog angekündigt, bei der "Huffington Post" mitmachen zu wollen, und erntete dafür nicht nur Verständnis. "Es geht mir nicht um einen monetären Gewinn, sondern um die Steigerung meiner Lesbarkeit und die Referenz 'Huffington Post', die im Ausland oft als hervorragend angesehen wird", sagte sie tagesschau.de. "Der einzige Grund für mich zu bloggen war: Ich möchte meine Gedanken mitteilen und gelesen werden."

Gratisarbeit kann sich lohnen

Diese Möglichkeiten zu bieten, sei das Erfolgsmodell der "HuffPo", sagt der Chefredakteur der deutschen Ausgabe, Sebastian Matthes: "Weil sie ihre Meinungen, Ideen und Beobachtungen einem größeren Publikum vorstellen möchten, so wie es Abertausende - übrigens ebenfalls ohne journalistischen Auftrag und ohne Honorar - bei Facebook, Twitter, Jimdo, Blogger.com oder Tumblr tun." Weltweit sollen so bereits 50.000 Blogger für die "Huffington Post" geschrieben haben.
Der Deutsche Journalistenverband findet, dass Blogger selbst entscheiden müssten, ob sie umsonst arbeiten wollen. Dies gelte aber nicht für diejenigen, die mit dem Schreiben Geld verdienen müssten: "Für Journalisten ist das völlig inakzeptabel, da sie von ihrer Arbeit leben müssen. Ob sie tausend oder eine Million Leser haben, spielt auf ihrem Kontoauszug keine Rolle".

Etablierte Medien sind auch verärgert

Gerade Journalisten sehen das Arbeitsmodell der Internetplattform skeptisch. Denn neben Bloggern greift die "Huffington Post" auch auf die Arbeit von Zeitungen und ihren Online-Angeboten zurück: Die Redakteure sammeln zu einem Thema mehrere Artikel, fassen diese in einem eigenem Text zusammen, in dem die Originale verlinkt sind, und versehen das Ganze mit einer Überschrift. In einem zweiten Schritt wird das Ergebnis über soziale Netzwerke vermarktet, etwa über Twitter. In Echtzeit misst eine Software den Erfolg der Twitter-Meldung. Wird der Artikel nicht ausreichend geklickt, bekommt er einfach eine neue Überschrift -  so lange, bis der Erfolg da ist. "Die Zeit" nannte die Redakteure dafür "Online-Freibeuter".
Der Geschäftsführer der deutschen "Huffington Post", Oliver Eckert, kontert die Vorwürfe, sein Medium profitiere von der Arbeit anderer: "Weltweit arbeiten rund 700 festangestellte Journalisten für die 'Huffington Post'. Sie recherchieren, schreiben investigative Geschichten und kommentieren das Weltgeschehen." Zwei Drittel aller Inhalte erarbeite das eigene Redaktionsteam. "Gastautoren, Experten oder Blogger ergänzen das Portal mit ihren Artikeln."

Wirtschaftlicher Erfolg der "Online-Freibeuter" unklar

Inwiefern die "Huffington Post" mit ihren "Umsonst-Schreibern" selber wirtschaftlich erfolgreich ist, ist allerdings unklar. Sie gehört seit 2011 zum AOL-Konzern, wird aber in dessen Geschäftsbericht nicht gesondert ausgewiesen.
Geschäftsführer Eckert verbreitet Optimismus: "Die 'Huffington Post' ist außerordentlich erfolgreich - publizistisch und betriebswirtschaftlich." Demonstrativ erwarb die Burda-Tochter Tomorrow Focus AG für mindestens zehn Jahre die Lizenz für die deutschsprachige Ausgabe. "Bereits nach zwei Jahren werden wir profitabel arbeiten", prophezeite Eckert.

Finanzierung vor allem über Werbung

Die "Huffington Post" will sich in Deutschland, ebenso wie in den USA, vor allem aus Werbeeinnahmen finanzieren. Das Online-Blatt, das erst 2005 gegründet wurde, ist heute in den USA eine der meist gelesenen Online-Zeitungen. Angeblich soll die US-Version des Portals 160 Artikel am Tag veröffentlichen und regelmäßig rund 10.000 Leser-Kommentare verzeichnen.
Mitgegründet wurde das Erfolgsmodell von Arianna Huffington. Die aus Griechenland stammende US-Amerikanerin startete mit zwei Kollegen und einer Million Dollar Startkapital. Bereits ein Jahr nach der Gründung heimste die Seite den "Webby-Award" 2006 ein. 2012 ging sogar der renommierte "Pulitzer Preis" an Autoren der "Huffington Post". Ein Jahr zuvor hatten die Macher ihr Online-Blatt für 315 Millionen Dollar an den Internetkonzern AOL verkauft, Arianne Huffington blieb aber auch nach dem Verkauf Chefredakteurin.

Cherno Jobatey wird Herausgeber der "HuffPo"

Seit dem Einstieg von AOL expandiert das Unternehmen mit Hilfe von lokalen Partnern international. Zuerst startete eine kanadische Version der "Huffington Post". Ihr folgten England, Frankreich, Spanien und Italien. Renommierte lokale Partner stehen dabei dem Unternehmen zur Seite, etwa Le Monde (Frankreich) und El Pais (Spanien). Und auch eine japanische Ausgabe ist online, genauso wie eine französisch-sprachige für die Staaten im nordafrikanischen Maghreb.
In Deutschland (sowie Österreich und der Schweiz) soll der Einstieg mit Hilfe des Burda-Verlages gelingen. Die Redaktion hat ihren Sitz in München. Neben Chefredakteur Sebastian Matthes ist Herausgeber Cherno Jobatey das Gesicht der deutschen Ausgabe. Der 48-Jährige hatte Ende 2012 nach 20 Jahren als Moderator des ZDF-Morgenmagazins aufgehört.
Das Führungsteam der deutschsprachigen Huffington Post von links nach rechts: Cherno Jobatey (Herausgeber), Arianna Huffington (Gründerin und Präsidentin), Sebastian Matthes (Chefredakteur), Oliver Eckert (Geschäftsführer).
Die Gründung der Deutschlandausgabe der "Huffington Post" fällt in eine Zeit des Umbruchs: Werbeeinnahmen für gedruckte Zeitungen sind rückläufig, immer weniger Ausgaben werden verkauft und die Kunden sind immer älter. Gleichzeitig wird das Online-Angebot auch dank Smartphones und Tablets immer wichtiger und Zeitungen erreichen heute insgesamt mehr Menschen als zuvor.

Kein Vorbild für Online-Zeitungen

Die Online-Auftritte suchen nach zukunftsfähigen Finanzierungsmodellen und die Medien experimentieren von kostenlosen Angeboten über freiwillige Beiträge bis zu Webseiten, die nur gegen Bezahlung erreichbar sind. Für die Probleme der Zeitungsbranche sieht der Deutsche Journalistenverband in dem Internet-Portal aber keine Vorbildfunktion: "Mit dem Geschäftsmodell der 'Huffington Post' lässt sich weder die Zeitungskrise lösen noch trägt es dazu bei, dass der Online-Journalismus profitabel wird. Ob Journalismus digital oder auf Papier verbreitet wird: Er muss für die Journalisten so viel abwerfen, dass sie von ihrem Beruf leben können."

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